Radsport im DTV 1860 seit dem Jahr 1894

Nachdem um 1885 erstmals Radfahrer in Detmold aufgetaucht waren und bereits 1887 ein erster Radfahrverein in Detmold gegründet worden war, hat man im August 1894 eine Radfahr-Riege im Turnverein von 1860 Detmold gegründet. Dies ist nachzulesen in den Jahresberichten, die Bernhard Schelper uns aus jenen Jahren hinterlassen hat.

Die regelmäßigen Übungsabende wurden mittwochs am Abend durchgeführt und an jedem ersten Mittwoch im Monat galten diese gleichzeitig als Mitgliederversammlung. Als Eintrittsgeld wurden 4 Mark erhoben und der monatliche Beitrag lag bei 50 Pfennig. Zum Jahresbeginn 1895 zählte die Radfahrriege des Vereins 6 aktive und 2 passive Mitglieder. Wintertags war das Vereinslokal „Odeon“ Treffpunkt für Reigenfahrten im Saal, also das was wir heute als Kunstradsport verstehen. Im Frühjahr und Sommer des Folgejahres 1895 fanden zahlreiche Ausflüge statt, so am 1. Ostertag zur Porta ( 3 Teilnehmer), am 23.Juni nach Bielefeld zu einer radsportlichen Veranstaltung (4 Teiln.), am 28.Juli nach Bad Pyrmont (6 Teilnehmer), am 16. August in die Senne (5 Teiln.) und am 04. September nach Schlangen (4 Teiln.).

Darüber hinaus veranstaltete man regelmäßig- soweit das Wetter dies zuließ- abendliche Ausflüge in die nähere Umgebung z.B. zum Donoperteich oder Schloß Lopshorn. Am 8. September 1895 hat man das 1. Stiftungsfest veranstaltet, nachmittags fuhr man über die Gauseköte nach Schlangen und veranstaltete dort ein Wettfahren und abends wurde im „Odeon“ ein Kommers veranstaltet. Abgerundet werden die Angaben im Jahresbericht damit, dass der Eintritt von zwei weiteren Mitgliedern dort vermerkt wird, womit der Gesamtbestand 10 Mitglieder beträgt. Der Jahresbericht 1895/96 von B. Schelper beruht auf den Angaben des Mitgliedes A. Moritz und meldet erneut umfangreiche Aktivitäten. Ende Februar wurde ein „Narrenabend“ veranstaltet bei dem neben dem karnevalistischen Teil auch ein Reigenfahren von 6 Mitgliedern im Saal des „Odeon“ zu sehen war. Bei der Gründung des Westfälisch-Lippischen Radfahrerbundes in Dortmund im April 1896 war der Verein mit den 10 Mitgliedern seiner Radfahr-Riege beteiligt. Die Lippische Post, Lemgo meldet für den 10.Mai 1896 eine Versammlung zur Diskussion über die Gründung eines Bezirksverbandes des Westf.-Lipp. Radfahrerbundes und an den Pfingstfeiertagen hat dieser Verband mit etwa 40 Mitgliedern einen Ausflug nach Detmold unternommen, sodass zu diesem  Zeitpunkt die Mitgliedschaft daraus wohl eindeutig zu schließen ist. Dies ist insofern wichtig, als andere Radfahrvereine in Lippe Mitglied im Gau 3 des Deutschen Radfahrbundes zu diesem Zeitpunkt sind und auch der Detmolder Verein wohl später dort Mitglied wurde.

Zunächst jedoch zurück ins Jahr 1896, auch diesmal gehörten Ausflugsfahrten nach Pyrmont am 14. Mai (5 Teiln.) , nach Driburg am 12. Juni (4 Teiln.) und Osnabrück am 26. Juli (3 Teiln.)  dazu. Außerdem gab es noch die regelmäßigen Sonntagsausflüge, die vormittags zum Konzert nach Meinberg führten und nachmittags nach Lopshorn, ins Heidental oder zum Donoperteich. Über das eigentlich im September zu veranstaltende Stiftungsfest enthält der Jahresbericht von Schelper nichts, aber er erwähnt den Beitritt von 4 Mitgliedern, davon 2 Damen, wie es dort ausdrücklich heißt.

 

Auch der Jahresbericht 1896/97 enthält noch einige Angaben zur Radfahr-Riege des TV 1860 Detmold. Im Mai gab es die Bannerweihe für das neugeschaffene Symbol des Vereins und am 4. September 1897 ein Stiftungsfest mit Tombola, Vorträgen und Tanz. Außerdem gibt es noch den Bericht von einem Rennen Kreuzkrug/Schlangen am 26. September und vorher am 8. August einer Stafettenfahrt nach Herford an der sich 6 Fahrer beteiligten. Damit sind die Mittelungen zu dieser Abteilung im TV 1860 Detmold beendet. Auch an anderer Stelle des Vereinsarchives gibt es keine weiteren Hinweise, sodass zu vermuten ist, dass die Mitglieder dieser Radfahr-Riege sich einem anderen am Orte bestehenden Verein angeschlossen haben. Die Lippische Post meldet im Rahmen der 10-Jahr-Feier des Radfahrverein „Hermann“ nichts was darauf schließen lässt. Und mit den Beschlüssen der lippischen Regierung zur Einführung einer Radfahrkarte per 01.05.1901 scheint eine grundsätzliche Neureglung stattgefunden zu haben. Im Jahre 1902 meldet die lippische Post, Lemgo etwas von einem Radfahrfest am 22.Juni in Detmold in dem die Radfahr-Riege des TV 1860 Detmold benannt wird. Auch im Folgejahr 1903 erscheint der Name dieser Riege noch einmal, als über ein Radfahrfest in Lemgo am 16./17. Mai berichtet wird, diesmal ist der Name sogar in den Ergebnissen aufgeführt. Danach gibt es nur noch ein indirektes Zeichen durch einen erst kürzlich aufgefundenen Wimpel vom 21. Bundesfest des DRB in Düsseldorf 1904.

Dieses letztgenannte Datum könnte auch einen Hinweis auf die wahrscheinlich richtige Datierung des Fotos geben, das bisher mit der Jahreszahl 1864 enthalten ist und mit dieser Datierung auch in der Sekundärliteratur verwendet worden ist.

Da es an keiner Stelle in den vorliegenden Mitgliederlisten einen Hinweis auf die Radfahr-Riege gibt, bleibt für diese Detektivarbeit nur der Weg über die abgebildeten 3 Personen. Bernhard Schlepper ist danach dem TV 1860 Detmold am 3.Januar 1898 beigetreten und Ernst Thalheim am 15.April 1901, beides also weit später als 1894. Der dritte abgebildete Mann auf dem Foto, Ludwig Becker, ist nicht mit einem Eintrittsdatum in der Mitgliederliste aufgeführt, sodass es hier auch keine weiteren Rückschlüsse gibt.

Die abgebildeten Frauen, Johanne Frevert, Lilly und Martha Vialon dürften die Töchter von Vereinsmitgliedern sein, die möglicherweise auch als Nichtmitglieder teilgenommen haben könnten. Es ergeben sich also viele weitere Fragen. Auch das Alter der abgebildeten Personen könnte Aufschluss über das exakte Datum dieses Fotos geben.

Auch wenn ich zu einer Datierung jenseits der Jahrhundertgrenze tendiere, gibt es dafür keinerlei Beweise. Der abgebildete Junge, der als Sohn des Stadtbaumeisters Schuster bezeichnet wird, könnte einen weiteren Hinweis geben, wenn man näherer Daten zu ihm wüsste.

Es ist gut vorstellbar, dass z.B. der stolze Vater- Hutfabrikant Vialon- ein Foto anfertigen ließ, um seine Töchter als Teil der Radfahr-Riege bei der Korsofahrt am 16. Bzw. 17. Mai 1903 in Lemgo abgebildet zu wissen. Aber auch dies ist nur eine weitere Vermutung. Es ist also weitere Detektivarbeit notwendig, um endgültige Gewissheit zur Datierung des Fotos zu erhalten.